Liliki

Mensch


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Hallo Mafa,
Da ich viele der Dinge, die Du über Deine Tochter schreibst, "irgendwie kenne", schreib ich Dir mal, was mir alles zu deinen beiden Postings einfällt. Vielleicht ist ja irgendetwas dabei, das Dir weiter hilft:
- eine der wichtigsten Feststellungen aus einem der vielen Bücher, die ich in den letzten beiden Jahren über *Kinder&Trennung* gelesen habe (ich glaube, es war "Glückliche Scheidungskinder") war die Feststellung, dass Eltern nach einer Trennung in einem sehr großen Maße dazu neigen, nachfolgende Verhaltensweisen oder "Auffälligkeiten" Ihrer Kinder noch jahrelang zu ganz überwiegendem Maße auf die Trennung zurück zu führen.
Die Autoren haben die Eltern sehr ermutigt, diesen Aspekt mal gedanklich hinten an zu stellen, weil eine Menge von "Schwierigkeiten" auf dem Weg zum Größerwerden "normal" sind und es sehr hilft aus der "die armen Kinder!"-Denke zu kommen.
Das find ich einen ganz wichtigen Gedanken, um sich Kinder und ihr Verhalten in Grenzen "frei" ansehen zu können.
Um Himmels Willen kein Vorwurf an Dich, sondern die "Beruhigung", dass Großwerden auch ohne getrennt lebende Eltern ein Abenteuer ist, in dem es phasenweise knirscht!
- Hut ab, Ihr habt eine schöne Lösung, was die Art, Frequenz und den Umgang beider Eltern mit der Tochter angeht!
- In meinen Augen sind Kinder letztlich "Symptomträger", was die nicht funktionierende Beziehung der Eltern angeht. Letztlich entscheidet, WIE die Eltern mit der Trennung umgehen können, WIE es danach den Kindern geht.
-Ich lese da ganz dezent noch Spannungen/Vorwürfe Deine Exfrau betreffend: "nur bei mir kann sie weinen, bei Mama gibt es Langeweile und Schokolade" ... je begabter und sensibler die Kinder, desto mehr nehmen sie solche selbst feinen bis feinsten Spannungen wahr und reagieren darauf.
Im Umkehrschluss heisst das für mich: je besser Eltern es schaffen, ihre gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten und mit ihren Schmerzen produktiv umzugehen, desto besser geht es den Kindern.
- "Traurigsein" - auch immer wieder darüber, dass Mama und Papa nicht mehr zusammen leben - ist in meinen Augen normal. Wie schön, wenn sie das auch langsam immer mehr ausdrücken kann.
Ich glaube, Eltern können ihren Kindern hier am besten helfen, wenn sie die Trauer aushalten und begleiten können. Wenn sie die "guten" und "schlechten" Auswirkungen der Trennung nebeneinander stehen lassen und auch mal gegenüber stellen können.
- "Gewichtszunahme durch leicht gestörtes Essverhalten" kenn ich gut- bei uns lange vor der Trennung. Gewichtszunahme ist so ein gut sichtbares Symptom und deshalb so "fassbar" - das Unglück liegt aber meist etliche Stufen tiefer.
Für uns war das Unglück Anlass für eine Kinder- und Jungend-Psychotherapie, die zunächst sehr unter dem verhaltensmedizinisches Aspekt von "verbessertem Essverhalten" stehen sollte.
Auch die Therapeutin merkte nach wenigen Wochen, dass das nicht das eigentliche Problem war - das og "wenig Selbstvertrauen" und "leichte Kontaktschwierigkeiten" waren die eigentlichen Probleme und daran hat sie dann gearbeitet. Immer abwechselnd Einzelstunden und Gruppenstunden mit anderen betroffenen Mädchen.
Die Therapie hat 1.5 Jahre gedauert und ist jetzt seit 2.5 Jahren beendet - etwa im letzten Jahr (Parallel nach Trennung und Eingehen einer neuen Partnerschaft) kann man zusehen, wie unsere Tochter "wächst".
Übergewichtig ist sie immer noch, aber nicht mehr unglücklich. Sie hat große Mengen an Strategien entwickelt, mit sich und ihren Resourcen umzugehen und damit auch "schwierige Situationen" zu meistern.
Gegen das Übergewicht kann/muss man -je nach Familiengeschichte und Ausmaß an Essstörung- eventuell tatsächlich irgendwann mal einen Kuraufenthalt anstreben ... das ist nach meiner Erfahrung das kleinere Problem ...
- Ich kann mir vorstellen, dass es gerade in Berlin sehr gute Möglichkeiten gibt, Kindern mit getrennt lebenden Eltern zu helfen. Eine Gruppe mit anderen Kindern fänd ich eine gute Idee.
- am schwierigsten finde ich eigentlich den Titel des Threads:
"Muss" ein Kind perfekt sein?
Ihr beide, Deine Frau und Du, habt eine aufgeweckte, begabte, emotionale und ganz bestimmt tolle Tochter.
Um die müsst Ihr Euch wahrscheinlich gar nicht so viele Sorgen machen, die bekommt auch schwierige Lebenssituationen mit etwas Hilfestellung (welcher Art auch immer) gut hin!
Aber "perfekt" ... noch verknüpft mit der Frage, ob eine vergleichbare Tochter in einer nicht gescheiterten Ehe "perfekt" wäre, während Eure Tochter jetzt "nicht ganz perfekt" leben muss?
Hmmmm, damit tu ich mich ehrlich schwer.
Ich hab auch erst später begriffen, dass für Kinder eigentlich nicht die gescheiterte Beziehung ihrer Ehe das Problem ist, sondern das, was an Krise oder Unvereinbarkeit uU Jahre voraus geht. Spannungen, Unzufriedenheiten oder Schuldzuweisungen ... und unter diesem Gesichtspunkt sind nahezu alle Kinder "nicht perfekten" Umständen ausgesetzt.
Das größe Geschenk, was ich in meinen Augen meinen Kindern machen kann, ist, Ihnen zu vermitteln, dass Leben die beste Sache seit Erfundung der Lakritze ist ... trotz und gerade auch mit allen Einschränkungen, Defiziten und Unperfektheiten, die uns Menschen und unser Leben neben den positiven und hellen Seiten ausmachen und uns letztlich so liebenwert machen ...
für Euch, Lili
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Ich glaubte es wäre ein Abenteuer, aber in Wirklichkeit war es das Leben.
Joseph Conrad
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