Frostie... - mag's immer noch kitschig |
Ilona

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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von Ilona (09.01.2010 11:05) |
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Woher die Freude kommt ist doch egal hauptsache ist sie ist da.
Einfach freuen und gespannt warten.
ich finde es erstaunlich, dass eure Kinder dabei sein wollten oft ist es so, dass gerade in dem Alter eher kommt oh ne das ganze Blut etc. das ist doch eklig. Oder so was in der Art.
Die reaktion des Krankenhauspersonals kann ich aber auch verstehen. Bedeutet ja sie für sie viel Stress viele menschen die unter Umständen im weg stehen usw.
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09.01.2010 11:05 |
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hitnak
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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von hitnak (09.01.2010 15:24) |
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Hallo,
@Ilona: Die Jungs hatten nicht die geringste Vorstellung davon, wie eine Geburt abläuft, solche Thematiken waren in ihrem Leben nie Thema gewesen. Familie war in ihrem Leben ja nicht einmal ein Thema gewesen: Entweder hatten sie keine, oder aber eine, in der ihnen mit Gewalt bestimmte Verhaltensweisen aufgezwungen wurden, um es ganz vorsichtig zu sagen. Was zwischen Bauch und der ersten Tracht Prügel passiert war denen nicht so ganz bewusst - außer dass der Weg vom Bauch nicht direkt in die Hölle führen muss.
Es war gerade eine hochdramatische Zeit, als wir schwanger wurden: Y hatte O mit in die Familie gebracht, der damals im Gefängnis und ganz furchtbar einsam war und wir hatten Tausend Kopfstände gemacht, um ihn da rauszuholen. Die beiden hatten damals das Gefühl, dass sie nicht nur eine Familie bekommen haben, sondern eine, die sie sich nach ihrem Geschmack "zusammen bauen" können, was von uns auch durchaus so gewollt war. S kam erst kurz bevor wir erfuhren, dass es mit der Schwangerschaft geklappt hat, zu uns, und D. kurz darauf. Die beiden sind auf dieser Welle zunächst einmal nur "mitgeschwommen", weil sie einfach zu krank und verletzt waren, um wirklich "mitzubauen".
Dass wir Männer gemeinsam zur Geburtsvorbereitung gehen, das war übrigens die Idee von Y und O, die damals bewusst gesagt haben: "Wir sind anders als andere Jugendliche und sind stolz darauf". Es hatte damals vor allem einen Zwischenfall in der Schule gegeben, bei dem ein Mathelehrer Y hämisch lachend vor der gesamten Klasse gesagt hatte, Y solle sich nicht so anstellen, er sei nur adoptiert; sein Vater säße wegen ihm im Knast (was stimmt - sein LV hat ihm das Bein gebrochen und in dann allein in der Wohnung zurück gelassen - auch wenn Eltern für manche eine beschützte Art sind, kommt man dafür in den Knast). Natürlich waren meine Frau und ich sehr sauer auf den Mathelehrer, der dafür auch eine Menge Ärger bekommen hat, aber es hat auch bewirkt, dass Y und O näher an uns Eltern heran gerückt sind, und das nur, weil wir uns vor sie gestellt haben, was widerum den Familiensinn gestärkt hat.
Es ist also eine Aneinanderreihe von sehr komplexen Prozessen und Dynamiken, die dazu geführt haben, dass die Jungs bewusst an der Geburt teil genommen haben. Es war kein Zwang dazu da, und wir haben an keinem Punkt den Wunsch geäußert, dass sie dabei sein sollen. Aber wir haben im Vorfeld oft über das Leben gesprochen, auch über Abtreibung diskutiert - es war spürbar, dass die Frage, warum man Leben in die Welt setzt, um ihm dann nach Leibeskräften zu schaden, den Jungs unter den Nägeln brennt.
Für unsere Gespräche ist das die beste Gelegenheit, was vermutlich der normalste Teil unseres Zusammenlebens ist: Es ist bei uns üblich, Freitag abends, wenn der der Schabbat, also der jüdische Ruhetag beginnt, gemeinsam mit der Familie zu abend zu essen. Wer mal in Jerusalem war, wird wohl bemerkt haben, dass sich das Kneipenviertel, aber auch die Straßen am Freitag abend schlagartig leert, bevor dann gegen zehn Uhr abends das halbe Land auf den Straßen ist - selbst völlig unreligiöse Menschen gehen zu Mamma und Pappa zum Essen, bevor sie es kräftig krachen lassen.
Viele Grüße,
Ariel
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09.01.2010 15:24 |
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hitnak
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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von hitnak (11.01.2010 12:31) |
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Hallo,
naja, der Mathelehrer steht nicht auf unser Urlaubsgrußliste. Aber er ist seitdem auch nicht mehr der Mathelehrer von irgendeinem meiner Jungs, und wird es auch nie wieder sein.
Ich muss aber auch sagen, dass sie trotz ein paar ziemlichen Nieten einige sehr wunderbare Pädagogen gibt, die nicht nur mehr oder weniger nutzvolles Wissen einpauken, sondern mit ihren Schülern gemeinsam Wissen erarbeiten und dabei die persönliche Entwicklung fördern.
Da ist zum Beispiel Os Hebräisch-Lehrerin, die Os persönliche Geschichte zum Anlass genommen hat, um ihren Schülern die Sprache völlig neu beizubringen. Man muss dazu wissen, dass das moderne Hebräisch eine sehr junge, und damit sehr knappe Sprache ist, die allerdings auf einer sehr viel älteren, sehr viel reicheren Sprache aufbaut. Viele Autoren verwenden deshalb sprachliche Fomen aus biblischen Zeiten, um sich auszudrücken, mit dem Ergebnis, dass sie in ihrer ganzen Schönheit für sehr viele Menschen hier verschlossen bleiben: Man versteht die gesellschaftliche und / oder politische Aussage, die durch die Geschichte gemacht wird, aber sehr oft werden die feinen Nuancen, die durch die Sprache zum Ausdruck gebracht werden, nicht verstanden - und schon gar nicht von Jugendlichen, die oft einen für Erwachsene unverständlichen Slang sprechen, was dann übrigens auch Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung von Heranwachsenden haben kann: Jemand der viele Wort hat, kann das, was er fühlt und will besser ausdrücken, aber ob er verstanden wird, ist noch lange nicht gesagt. Unverständnis, unerfüllte Bedürfnisse und die erhöhte Hormonausschüttung während der Pubertät sind allerdings eine Mischung, die potentiell gefährlich ist, weil sie die Aggression steigern kann. Aber selbst wenn das nicht passiert, was glücklicherweise meistens der Fall ist, verschließt mangelnde Ausdrucksfähigkeit die Möglichkeit, seine Gedanken in Worte zu fassen - Gedanken sind nun mal oft so komplex, dass man sie nicht in ein Wort fassen kann. Und O, der mit 12 das letzte Mal in einer Schule gewesen war, und das auch nur, weil es da was zu essen gab, konnte kaum ein Wort gerade aussprechen, das für uns verständlich war (wie Y es damals geschafft hat, in nur drei Tagen O verstehen zu lernen, habe ich bis heute nicht verstanden).
Damals haben wir O übrigens zu etwas gezwungen, denn das können wir auch, und zwar ohne Reue: Er war im Gefängnis, als wir ihn zum ersten Mal trafen, und meine Frau und ich fangen in solchen Situationen definitiv keine Diskussionen über die Notwendigkeit unserer Maßnahmen an. Was damals genau passiert ist, schreibe ich später ausführlich. Mein Punkt im Moment ist, dass wir mit dem Jungen, den wir so gut wie gar nicht kannten, und von dem wir nur wussten, was Y uns erzählt hatte, nämlich dass er völlig am Ende ist, nicht reden konnten: Wir haben das, was er sagte zum größten Teil nicht verstanden. Und das was wir verstanden haben, konnten wir bei aller Toleranz nicht akzeptieren: Dafür war sein Slang zu heftig. Und er hat uns auch nicht verstanden - vielen Menschen geht das so: Unsere Wortwahl ist zu elitär. Also haben wir ihm Aufgaben gegeben: Er sollte uns Aufsätze zu bestimmten Themen schreiben - was drin stand, war egal, bis auf die Vorgabe, dass keine Schimpfworte enthalten sein durften. Wir haben ihm auch Aufsätze geschrieben, und ziemlich bald hat er angefangen, uns zu fragen, was gewisse Worte bedeuten. Das war der Eisbrecher: Er wollte uns verstehen. Unsere Psychologin hatte uns geraten, unsere eigene Sprache nicht nach unten anzupassen, und lieber viel Geduld zu üben und es hat sich ausgezahlt.
Zu den Aufsatzaufgaben gehörten ab einem bestimmten Punkt auch Analysen von Romanen, was eigentlich nur dazu gedacht war, seinen Wortschatz weiter auszubauen, weshalb wir eigentlich nur leichte Sachen wie Kischon auf der Liste hatten. Nur hat die Sache irgendwann eine Eigendynamik entwickelt, als O ein Buch von Amos Oz mit dem Titel "Lada'at Ischah" " (eine Frau erkennen) in die Hände fiel, und er von Y wissen wollte, was der Autor mit dem Titel meint, weil der für ihn keinen Sinn ergab: Lada'at, erkennen, ist zwar ein altes Wort, wird aber in der heutigen Sprache nahezu ausschließlich auf der Linie des deutschen Verbs "wissen" (ich weiß, dass...) benutzt. Für "kennen" benutzt man indes das Verb "Lehakir" (Präsens: makir, makirah, makirim, makiroth). Y sagte ihm, dass "Lada'at Ischah" bedeute, Sex mit einer Frau zu haben, und wir erklärten ihm, dass das viel mehr als das bedeutet: eine Frau zu lieben.
Ich kann nur darüber spekulieren, was sich im Kopf des Jungen abspielte, aber er vergrub sich Wochen lang in dieses Buch, um seinen Inhalt zu erforschen, und es hat ihn sehr stark verändert: Der Stolz, dieses recht komplizierte Buch, erobert zu haben, gepaart mit dessen Geschichte von Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, Misstrauen und Verlangen nach Liebe, erobert zu haben, hat ihm Selbstbewusstsein gegeben, der noch Monate zuvor als lernbehindert und hoffnungsloser Fall abgetan worden war.
Die Hebräischlehrerin hat diese Begeisterung weiter getragen, indem sie versucht, den Schülern die Bedeutung der Sprache aufzuzeigen, und sie macht das mit Engagement und Erfolg.
Aber wie ich ja schon bereits beschrieben habe, sind leider nicht alle ihre Kollegen so - die Kids sind unzufrieden mit ihrer Schule. Womit ich beim Entscheiden und Diskutieren unter normalen Bedingungen bin.
Wir überlassen unseren Kindern so viele Entscheidungen wie möglich, die sie selbst betreffen, und beschränken uns auf das Anleiten: Wir möchten, dass sie, soweit möglich, selbst Ansätze entwickeln und auf ihre Umsetzung hinarbeiten. Das hat kaum etwas mit Therapie zu tun, sondern eher mit der Art von Mensch, die meine Frau und ich auf Grund unserer eigenen persönlichen Erfahrungen heran ziehen möchten. Meine Frau hat in ihrer Jugend selbst so gut wie alle Entscheidungen vorgegeben bekommen, und ihre Eltern versuchen es immer noch; ich bin in einem sehr freien Elternhaus aufgewachsen. Wir sind beide, vor allem durch den Beruf, den wir Jahre lang gemeinsam ausgeübt haben, Journalismus, darauf geeicht, Entscheidungen im Team zu treffen, und ich wurde während des Studiums zudem darauf gedrillt, vor einer Entscheidung alle Optionen zu beleuchten. Das möchten wir auch an die Kinder weiter geben, was ihnen, wie wir mittlerweile festgestellt haben, das Gefühl gibt, dass ihre Ideen und Gedanken etwas zählen, dass sie die Macht haben, etwas zu bewegen.
Die Informationen, die man benötigt, um eine informierte Entscheidung zu treffen, sind heutzutage leicht im Internet verfügbar - man muss nicht telefonieren, oder sich Gesetzestexte kaufen, oder was immer man sonst braucht besorgen. Aber ich halte es auch für extrem wichtig, dass Jugendliche lernen, brauchbar und unbrauchbar im Netz voneinander zu filtern.
Wenn die Jungs nicht zufrieden mit ihrer Schule sind, und die Lehrer mit ihren Fragen nerven, dann sollen sie sich bitteschön auch selbst Gedanken darüber machen, was man tun kann, außer eine Massenpanik im Kollegium zu erzeugen. Das israelische Schulgesetz bietet eine Reihe von Möglichkeiten, die man sich leicht erarbeiten kann - wir erklären nur die Teile, die sie nicht verstehen. Meine Frau und ich werden den Teufel tun, uns die anderen Eltern krallen, zum Bildungsministerium gehen und sagen: "Unsere Kids lernen in dem Laden nicht, was sie brauchen; wir machen unsere eigene Schule auf." Rauszufinden, dass die Möglichkeit besteht, hat zwar eine Weile gedauert, aber sie haben es raus gefunden - und keiner der Jungs ist ein Einserschüler. Natürlich begleiten wir das, und weisen auf Denkfehler oder fehlende Informationen hin und kritisieren auch die geplante Vorgehensweise, aber die endgültige Entscheidung müssen sie selber treffen, so lange sie nicht zu uns kommen und sagen: "Wir möchten, dass Ihr mal eben eine Entscheidung trefft."
Ich habe mich nie mit dem klassischen Satz "So lange Du Deine Beine unter meinen Tisch stellst, wird gemacht, was ich sage" anfreunden können - irgendwann gelten die Kinder als erwachsen. Aber kann man sie wirklich als erwachsen betrachten, wenn sie erst dann damit beginnen, zu lernen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen?
Viele Grüße,
Ariel
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11.01.2010 12:31 |
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Blumensammler
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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von Blumensammler (11.01.2010 13:58) |
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Ich finde es super, wie du die "Gewalt" des Wortes/der Gedanken in deine Familie bringst......
Menschen wie dich sprechen/schreiben zu hören ist für mich wie ein Jungbrunnen.
Warum ?
An vielen Tagen ärgere ich mich über dies und das. Der Bankangestellte, der mir offensichtlich versucht Mist zu verkaufen, der Typ der mich auf der Strasse anrempelt, die Meldungen über Steuerverschwendung, Selbsucht und und und.
Aber Menschen wie Du erinnern mich immer wieder an das Gute in den Menschen.
Das tolle ist, dass du dir auch noch die Mühe machst, so viele andere Menschen daran teilhaben zu lassen.
Dafür sage ich hiermit Danke ! Es macht mir sehr viel Spass von euch zu lesen !!!
Schöne Grüße,
Blume
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11.01.2010 13:58 |
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Blumensammler
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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von Blumensammler (11.01.2010 14:22) |
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Mist, wollte den Text des obeneren Post editieren, ging aber nicht.
Den vorpost und diesen bitte löschen. Werde bei Gelegenheit einen neuen schreiben.
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11.01.2010 14:22 |
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hitnak
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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von hitnak (12.01.2010 17:41) |
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Hallo,
man kann sich so vortrefflich über Dinge aufregen. Ich konnte mich früher vortrefflich über Dinge aufregen, aber das lag wohl vor allem daran, dass ich im Grunde mit meinem Leben nicht zufrieden war. Was viele in meinem Umfeld nicht verstehen: Ich war beruflich erfolgreich, mit 33 Jahren Besitzer einer Firma, einer Eigentumswohnung, eines Autos, von vier Fernsehern, drei Handies und einem Doktortitel in einer Wissenschaft, die mit meinem Leben nicht die Bohne zu tun hatte. Und ach ja, ich regte mich immer und überall und ständig über Dinge auf: darüber, dass Partner Kaugummi kauen. Darüber, dass mein Stammplatz in meiner Stammkneipe von jemandem besetzt war, der nicht ich war. Darüber, dass es in Jerusalem im Sommer heiß und im Winter kalt ist. Die Welt musste so sein, wie ich es wollte, und weil das nicht der Fall war, gab es in meinem Leben keinen Platz für andere Menschen. Sage ich heute. Damals habe ich darüber nicht nachgedacht.
Ich habe damals auch nicht darüber nachgedacht, warum ich, mittendrin in meinem Berufsleben, alles stehen und liegen gelassen habe, als mein bester Freund, der so ungefähr der Einzige war, der nicht laut kreischend vor mir davon lief, mir mitteilte, dass er im Ausland studieren werde, und begann das selbe an der selben Uni zu studieren. Es war einfach so. Ich habe damals gedacht, dass ein Studienabschluss gut zur Karriere passen würde. Heute weiß ich, dass diese Freundschaft das war, was mein Lebensgebäude zusammen gehalten hat, und dass das Studium meines besten Freundes meine Welt fast zerstört hätte. Ich brauchte ihn, um meine Illusion meiner heilen Welt aufrecht zu erhalten, denn er gab mir die Emotionen, die man braucht, um aus dem materiellen Glück den perfekten Frieden zu machen.
Dass das so ist, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich vor einigen Jahren in den besetzten Gebieten über eine Militäroperation gegen militante israelische Siedler berichtete. Ich war plötzlich von einer Gruppe von Männern umringt, die begann, auf mich einzuprügeln. Es war mein bester Freund, der mich damals einsammelte, mich ins Krankenhaus brachte und da war. Damals fand ich das normal, weil er immer da war. Aber es hat etwas in mir verändert: Ich habe zum ersten Mal im Leben meine eigenen Gefühle erkannt, nicht nur für meinen besten Freund, sondern auch für eine Kollegin, die heute meine Frau ist.
Am Ende war es dann wieder eine solche Gewalterfahrung, erlebt von anderen, die meine Welt endgültig zerstörte und meine Reise in eine neue Welt erforderte. In einer Nacht vor ziemlich genau zwei Jahren stand plötzlich mein bester Freund, mittlerweile verheiratet vor meiner Tür, wütend, aufgeregt, verzweifelt, und erklärte mir, die Polizei sei gekommen, und habe gesagt, dass der Sohn seiner Frau im Krankenhaus sei, weil er von seinem Vater zusammen geschlagen worden war. Seine Frau habe ihm gestanden, dass sie aus einer Jugendpartnerschaft einen Sohn habe, der bei seinem Vater lebe und die Beamten wollten wissen, was man mit dem Kleinen anfangen solle.
Ich habe nie verstanden, warum ich damals so schockiert war, bis ich vor einigen Tagen begann, ernsthaft darüber nachzudenken: Ich glaube, dass ich die Situation des Jungen sehr gut verstehen konnte; dass es mich aufgeregt hat, dieses Geschachere darum, was mit ihm passieren soll, und dass diejenige, die als allererste hätte hier schreien müssen, seine Mutter, sagte, dass sie es für keine gute Idee halte, dass der Junge bei ihr und meinem besten Freund einzieht. Dass sie das damals so gesagt hat, habe ich erst vor Monaten aus den Polizeiprotokollen erfahren. Damals hörte ich nur, dass er nicht zu seiner Mutter kann, und mein Hirn füllte intuitiv ein, dass der Junge, Y, das so gesagt hat, denn Zeit gleich spielte sich mitten in der Nacht das Finale einer Ehe ab: Mein bester Freund gab ihr die Schuld daran, dass dem Jungen das passiert ist, und sie erklärte, sie habe den Jungen alle paar Monate gesehen, und ihr sei nie etwas Negatives aufgefallen; sie habe Angst gehabt, dass mein bester Freund sie verlässt, wenn sie ihm gesteht, dass sie ihm etwas verschwiegen hat, aber sie habe sich gekümmert; Ehrenwort, großes Drama, Herzensbruch. Es war eine Lüge, die die Ehe retten sollte, und sie am Ende kaputt machte.
Als über der Stadt die Sonne aufging, war mein bester Freund zu Hause ausgezogen und Y bei mir eingezogen: ein junger Mensch, dem die Seele vor langer Zeit gebrochen und dessen größtes Glückes in dem Moment war, nicht angeschrien und nicht verprügelt zu werden. Es machte mich glücklich, ihn glücklich zu machen, auch wenn es immer nur für ein paar kurze Momente war, aber diese Momente wurden mit der Zeit länger. Es ist ein bisschen pervers, dass dies meine Verlobte und mich näher aneinander heran brachte: Wir lernten uns selbst und uns gegenseitig als emotionale Menschen kennen. Wir lernten sehr schnell, die kleinen Erfolge zu feiern, das kleine Glück, und uns nicht aufzuregen, über Dinge, die wir nicht ändern können. Wir hatten einfach keine Zeit mehr dazu; wir waren zu stark miteinander beschäftigt.
Heute möchten wir uns einfach nicht aufregen. Man könnte natürlich jetzt, wo die Dinge gut laufen, eine ganze Menge an Dingen erkennen, in unseren Kindern, die uns stinken. Vielleicht würden wir es sogar schaffen, es abzustellen. Aber das würde einen Kampf erfordern, der uns ein Stück weit auseinander treiben würde und uns von unseren Söhnen entfremden würde. Wir könnten uns eine neue Lebensaufgabe stellen, indem wir Regeln aufstellen, die kein Mensch braucht, die aber durch gesetzt werden müssen. Das Problem dabei ist, dass es niemanden glücklich macht, sie aufzuregen. Es geht nur auf die Nerven.
Viele Grüße.
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12.01.2010 17:41 |
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Liliki

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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von Liliki (12.01.2010 21:47) |
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Hallo,
Die Erkenntnis, dass weder Eigentumswohnungen noch Handies oder Autos gücklich machen können und dass man innen ziemlich klein und schwach sein kann, aber im Außen groß und "erfolgreich", kommt manchen Menschen vielleicht früher, anderen später und einer großen Menge leider nie ...
Ich glaube, es ist ein großer Schritt in Richtung "Erwachsenwerden", wenn man sich diesem Weg öffnen kann und ihn nicht (mehr) abwehren muss.
Ist es nicht faszinierend und wunder-voll, wie uns das Leben den einen oder anderen Schlüssel für die Türen in die Hände spielt? Fast könnte man meinen, dort oben säße jemand und ordnete all diese Fäden für die vielen Puppen auf der Bühne liebevoll und mit Bedacht
Ich freu mich mit Euch über die neue Schwangerschaft und drück Euch die Daumen, die ich habe
Lili
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12.01.2010 21:47 |
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hitnak
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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von hitnak (17.01.2010 00:29) |
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Hallo,
ja, es ist wundervoll - wenn man erkennen kann, dass man die Schlüssel in der Hand hält. Leider konnte ich das lange Zeit nicht.
Aber weswegen ich heute eigentlich schreibe: Heute wird's hier richtig komisch. Super weicherspülerhaft. Und kitschig. Denn ich bin seit zwei Tagen bei meinem Bruder.
Mein Bruder ist nicht mit mir verwandt, sondern mein bester Freund. Ich hatte auch mal einen leiblichen Bruder, aber der ist tot, seit ich 15 war. Eines abends ist er gegangen, zum Militär, wie das bei uns fast jeder macht, wenn er 19 ist, und eines morgens standen Männer in dunklen Anzügen und mit versteinerter Miene vor unserer Tür, als wir mit dem Frühstück fertig waren (diese Männer warten immer, bis man aufgewacht und fertig gefrühstückt hat) und sagten leise Dinge zu meinen Eltern, bevor mich dann alle betreten anschauten und ein nach Schweiß riechender Psychologe in Shorts mir eine Stunde lang oder so die Ehrenhaftigkeit des Soldatentodes erklärte, und dabei statt Tod, tot und getötet worden ständig die Begriffe "gefallen" und "verschieden" benutzte und ich mich zum ersten Mal im Leben fragte, warum sie eigentlich immer im Radio und auch dieser Psychologe sagen, dass jemand von Kugeln getroffen wurde, wenn doch jemand erschossen wurde.
Die für mich wirklich bedeutenden Fragen hat mir niemand beantwortet: Dass ich nicht nur um den Menschen trauerte, sondern auch um die Institution Bruder. Dass mein Vater nicht wollte, dass ich zum Militär gehe, weil er Angst um mich hatte.
Dass ich einen Bruder brauche, ist mir erst langsam aufgegangen, irgendwann zwischen jenem Tag in den Straßen Hebrons, und der Nacht, in der Y zu uns kam. In Israel benutzen wir das Wort Bruder für so ziemlich alles, was keine offene Feindschaft beinhaltet, aber für mich und meinen besten Freund hat dieses Wort damals vor etwas mehr als zwei Jahren eine neue Bedeutung erlangt: Nachdem ich zusammen geschlagen worden war, hat er mich eingesammelt und ins Krankenhaus geschleppt. In den Minuten davor war ich der einsamste Mensch der Welt: Ich konnte nicht laufen; es herrschte Chaos, wurde geschossen und ich hatte mich darauf vorbereitet, dass dies, dieser Tag, das Ende meiner Tage werden würde.
Die Zeit danach war, nein hart ist das falsche Wort - sie war eigenartig: Wir haben gefeiert, Wochen lang, getrunken ja, aber nicht sonderlich viel, komischerweise. Wir haben viel getanzt, sind viel gereist und haben unseren Partnerinnen gestanden, dass wir auf den Eurovision Song Contest stehen. Für den Moment war alles ein Riesenspaß, und auch die Entscheidung nach einem Strandtag uns nach einem Strandtag unter dem Protest unserer Partnerinnen den Kopf zu rasieren, und die Entscheidung ein paar Stunden später nach ein paar Arak, uns unter dem Protest unserer Partnerinnen, einen Teil des "Requiem für eine Freundin" von Rilke tätowieren zu lassen, war zunächst ein Spaß. Bis mein Kumpel im Zuge des Streites seiner Frau sagte, wir seien nun mal Brüder, und sie müsse damit leben. Er sagte das sehr ernst, und fühlte mich ernst. Ein paar Tage später war Y da und seine Ehe zu Ende. Wir haben seitdem gestritten. Und wir haben uns versöhnt. Wir lieben uns. Philadelphia nennen die Griechen das.
Viele Grüße,
Ariel
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17.01.2010 00:29 |
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Maju

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Re: Frostie... - mag's immer noch kitschig von Maju (17.01.2010 20:02) |
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Ariel, du solltest ein Buch schreiben!
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17.01.2010 20:02 |
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