Reproduktionsmedizin und Kinderwunsch

Reproduktionsmedizin -
2.1.5 Die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten



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2.1.5 Die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten

Im Rahmen einer medizinisch assistierten Fortpflanzung sind ÄrztInnen und BiologInnen an der Zeugung des Nachwuchses eines Paares beteiligt, weshalb diese aus dem privaten Raum genommen bzw. entprivatisiert wird. ÄrztInnen und BiologInnen entscheiden über den Zeitpunkt der Eireife, nehmen die Zeugung außerhalb des Körpers vor und bestimmen, ob und wann der Embryo transferiert wird. Somit dringen sie in die intime Sphäre der Familiengründung eines Paares ein. Deshalb spielt die ÄrztInnen-PatientInnen-Beziehung in der Kinderwunschbehandlung möglicherweise eine zentrale Rolle. Nach Johannes Siegrist (2005) gestaltet sich diese aus soziologischer Sicht strukturell asymmetrisch. Dies resultiert aus der unterschiedlichen Wissensverteilung: Die MedizinerInnen sind ExpertInnen, die PatientInnen Laien. Diese verleiht den ÄrztInnen Informations- und Handlungsmöglichkeiten, die ihnen ExpertInnenenmacht gibt. Zudem besitzen die MedizinerInnen Definitions- und Steuerungsmacht, da sie Krankheiten diagnostizieren und behandeln, während die PatientInnen Hilfesuchende sind, die ärztliche Anordnungen befolgen müssen. Im Kontext der Kinderwunschbehandlung bezieht sich die ExpertInnen-, Steuerungs- und Definitionsmacht auf die Diagnostik der Sterilitätsursachen, das Zyklusmonitoring, die Verordnung und Gabe von Medikamenten, den Zeitpunkt der Eizellenreifung und die Insemination. Die ÄrztInnen bestimmen zudem meist über Beginn, Verlauf und Ende der Behandlung und haben einerseits die Möglichkeit, Quellen der Unsicherheit der PatientInnen zu kontrollieren und andererseits erstrebte Güter wie ärztliche Dienstleistungen zu gewähren. Die Beziehung zwischen MedizinerInnen und PatientInnen wird auch durch organisatorisch-institutionelle Bedingungen beeinflusst. Im Falle der Kinderwunschbehandlung handelt es sich überwiegend um eine ambulante ärztliche Versorgung, wobei die PatientInnen mehr Wahlmöglichkeiten und Verhandlungsmacht hinsichtlich des Behandlungsabbruchs oder des Wechsels der Praxis bzw. des Arztes oder der Ärztin haben als z. B. in einem Krankenhaus. Geringes persönliches Engagement der ÄrztInnen führen zu erhöhter Unzufriedenheit bei den PatientInnen und zur Wahl anderer MedizinerInnen innerhalb des Bezugsystems. Daneben wirken soziokulturelle Faktoren, etwa die Sprache: MedizinerInnen verwenden meist einen elaborierten Sprachcode, den PatientInnen oft schlecht verstehen. Die Chance, dass PatientInnen von sich aus Absichten, Erwartungen und Informationsbedürfnisse äußern, sinkt etwa dann, wenn ihr sozialer Status gering ist, wenn ethnische Unterschiede zwischen ÄrztInnen und PatientInnen vorhanden sind oder wenn sie unterschiedlichen Sprachgemeinschaften angehören. Die meisten PatientInnen haben ein ausgeprägtes Informationsbedürfnis hinsichtlich Diagnose, Krankheitsursachen, Behandlung und Folgen. Für sie bedeutet eine ausführliche Aufklärung, dass ihre Unsicherheiten verringert werden, dass sie ihre Zukunft planen und ihre Rechtsansprüche als mündige BürgerInnen (Selbstbestimmungsaufklärung) wahrnehmen können. PatientInnen, bei denen ein Informations- oder Aufklärungsdefizit besteht, sind ängstlicher und weisen eine signifikant schlechtere subjektive Befindlichkeit auf. Um ein solches Informationsdefizit auszugleichen, wenden sich PatientInnen vermehrt weiteren Quellen wie dem Internet zu. Dort holen sie sich Informationen, die sie von den MedizinerInnen nicht bekommen oder nicht verstanden haben, oder überprüfen die ärztlichen Mitteilungen (Validierung, Qualitätskontrolle). Daraus können sich Konflikte zwischen den ÄrztInnen und PatientInnen ergeben, etwa dann, wenn die PatientInnen z. B. Therapien wünschen, von denen sie im Internet erfahren haben. Oder wenn sie die MedizinerInnen mit Empfehlungen aus Selbsthilfegruppen konfrontieren. Die Asymmetrien der ÄrztInnen-PatientInnen-Beziehungen werden reduziert, wenn die MedizinerInnen Empathiefähigkeit (Einfühlen in den Gesprächspartner) beweisen, den PatientInnen zuhören und sie wertschätzen. Bei Mitteilungen sollten die ÄrztInnen die Worte so wählen, dass die Informationen für die PatientInnen transparent, konsistent und verständlich sind. Neben sozialen und institutionellen Bedingungen hängen die Beziehungen zwischen den MedizinerInnen und PatientInnen von der Art und dem Stadium der Erkrankung, die den ÄrztInnen und PatientInnen bestimmte Rollen zuweisen, sowie der Persönlichkeitsstruktur der MedizinerInnen und PatientInnen ab (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Basismodell der ÄrztInnen-PatientInnen-Beziehung

 

Aktivität – Passivität

Führung – Kooperation

beidseitige Kooperation

Rolle der ÄrztInnen

tun etwas mit den PatientInnen

geben den PatientInnen Anweisungen

Hilfe zur Selbsthilfe

Rolle
der PatientInnen

Empfangende

Kooperierende (gehorcht)

partizipieren an der „Partnerschaft“, greifen auf ExpertInnenhilfe zurück

klinische
Anwendung

Anästhesie, akutes Trauma, Koma, Delirium

aktuelle infektiöse Prozesse etc.

die meisten chronischen Krankheiten, Psychoanalyse

Sinnbild

Eltern – Kind

Eltern – erwachsenes Kind

Erwachsener – Erwachsener

Reproduktionsmedizin und künstliche Befruchtung bei Kinderwunsch im Kinderwunschzentrum

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