Patchwork Familien: Patentrezepte für ein gutes Zusammenleben sucht man vergeblich

Die klassische Familienkonstellation von Vater, Mutter und Kind wird längst durch weitere Familienmodelle ergänzt. Allen voran die Patchwork Familie. Sie ist nahezu genauso oft vertreten wie alleinerziehende Eltern hier in Deutschland. Dabei handelt es sich bei der Patchwork Familie gar nicht um ein neues Modell. Stiefeltern und Halbgeschwister gab es schon immer, doch heute liegen die Ursprünge oft in der Scheidung bzw. Trennung der Eltern. Damit eine Patchwork Familie funktioniert, müsse einige Hürden gemeistert und Voraussetzungen geschaffen werden. Die Lösungen dafür sind immer individuell. Ein Patentrezept sucht man indes vergebens.

Patchwork Familie – Ein Leben zwischen Harmonie und Konflikt

Fast jede zweite Ehe scheitert hierzulande. Finden die Betroffenen ihr Glück bei neuen Partnern, entstehen vielfach Patchwork Familien in den unterschiedlichsten Konstellationen. Denn meist gehen aus den früheren Beziehungen Kinder hervor, die nun in einer völlig neuen Form des Zusammenlebens mit allen Chancen und Hürden klar kommen müssen. Sich in eine Patchwork Familie einzugliedern fällt mitunter schwer. Wuchsen Kernfamilien meist über Jahre heran, entstehen Patchwork Familien binnen kurzer Zeit. Dabei treffen die verschiedensten Gefühle, Gewohnheiten, Familienregeln und Personen aufeinander. Sie alle definieren den Begriff „Familie“ für sich subjektiv und individuell. Zweifelsohne steckt darin Konfliktpotential. Doch eine Stieffamilie kann durchaus auch Chancen und Vorteile für alle Beteiligten in sich bergen. Schließlich bringen die neuen Partner der Eltern auch viel Positives mit.

Chancen und Vorteile durch eine Patchwork Familie

Wie leicht oder schwer das Wachsen einer Patchwork Familie vonstattengeht, hängt  nicht zuletzt von der Professionalität und dem Umgang aller Beteiligten untereinander ab. Schlüsselfaktoren stellen Toleranz, Geduld, kein Druck und vor allem Kommunikation dar. Erleben Kinder in einer Patchwork Familie, dass sie wertgeschätzt und nicht hinten an gestellt werden, ist dies eine gute Voraussetzung. Verbleibt die Hauptbezugsperson im Leben des Kindes, erleichtert dies ebenfalls das Zusammenleben. Kinder profitieren durchaus von der Lebensvielfalt einer Patchwork Familie. Die neuen Partner bringen andere Interessen, Blickwinkel, Hobbys oder Lebensweisen in den Alltag. Oftmals sind die Kinder dadurch toleranter. Es fällt ihnen leichter mit verschiedenen Personen sozial zu interagieren. Auch Konflikte halten Kinder aus Patchwork Familien oftmals leichter aus, im Gegensatz zu ihren Altersgenossen aus herkömmlichen Kernfamilien.

Herausforderungen einer Patchwork Familie

Zweifelsohne überwiegen die möglichen Stolpersteine, mit der sich eine Patchwork Familie auseinandersetzen muss. Als völlig neu zusammengewürfelte Familienkonstellation ändert sich teils die Stellung der Kinder. Aus dem Nesthäkchen wird plötzlich ein Sandwichkind mit all den dazugehörigen Hindernissen. Die älteste Schwester erhält vielleicht von heute auf morgen einen älteren Bruder. Und nicht nur der Geschwisterverbund nimmt neue Formen an. Der unterschiedliche Umgang miteinander hinterlässt Spuren. Neue Regeln, unklare Grenzen, andere Gewohnheiten und vor allem Autoritätsprobleme stellen Patchwork Familien vor große Herausforderungen. Eine Patentlösung dafür existiert leider nicht. Grundsätzlich verkraften vor allem sehr kleine Kinder die Trennung der Eltern recht gut. Schwierig wird es bei Kindern im Vorschulalter bis zu etwa 11 Jahren. Sie fühlen sich oftmals als Schuldige und übertragen Wut und Verdrossenheit auf den neuen Partner. Auch wenn Teenager der neuen Beziehung toleranter gegenüber stehen, zeigen sie nicht selten Autoritätsprobleme gegenüber dem „neuen“ Elternteil.

Die Erwartungen nicht zu hoch schrauben

Von nun an wird alles anders und besser! Mit dieser Vorstellung beginnen viele Erwachsene eine neue Beziehung. Doch solch hoher Druck belastet die Erwachsenen-Kind-Beziehung. Daher raten Paart- und Familientherapeuten Betroffenen oftmals, die Dinge ruhig anzugehen und nichts zu überstürzen. Es braucht viel Geduld und vor allem Zeit, bis sich eine Patchwork Familie als solche neu gefunden hat und miteinander harmoniert. Experten zufolge kann es im Schnitt fünf Jahre dauern, bis dieser Prozess für die Kinder abgeschlossen ist. Besonders die Anfänge fallen meist schwer. So verläuft die Gründung einer Patchwork Familie nur in den seltensten Fällen unbeschwert.

Die Elternbeziehungen untereinander

Manche Kinder müssen binnen kurzer Zeit lernen, mit zwei mütterlichen und zwei väterlichen Bezugspersonen klar zu kommen. Im Idealfall profitieren sie von der Vielfalt dieser Bezugspersonen. Stehen jedoch die sorgeberechtigten Eltern untereinander in einem Konflikt, wie es leider sehr häufig vorkommt, nimmt dieses Spannungsfeld negativen Einfluss auf die Kinder. Das Kind gerät in einen Zwiespalt. Einerseits möchte es seinem Elternteil Loyalität gewähren, denn die Eltern-Kind-Beziehung ist auch nach einer Trennung sehr tiefgründig. Andererseits mag es vielleicht den oder die neue Partner/in und darf das aufgrund der verletzten Gefühle des anderen Elternteils nicht zeigen. Umso wichtiger ist es, mit den Kindern ehrlich umzugehen und nicht schlecht über den ehemaligen Partner sowie den neuen Stiefelternteil zu reden. An einem Minimum an gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz sollte es niemals fehlen. Fairness stellt eine weitere wertvolle Basis für das gute Zusammenleben in einer Patchwork Familie dar. Auch wenn das Band zwischen einem Vater oder einer Mutter und dem leiblichen Kind enger sein wird, als die Beziehung zu einem Stiefkind, sollten alle Familienmitglieder die gleiche Fairness erfahren. Experten raten den Erwachsenen außerdem dazu, sich anfangs bei Erziehungsfragen bezüglich des Stiefkindes vorerst zurückzunehmen. Hierin liegt besonders großes Konfliktpotential.

Fazit: Keine Familie ist konfliktfrei, schon gar nicht Patchwork Familien. Sie haben mit Hindernissen zu kämpfen, die in „normalen“ Familien gar nicht existieren. Plötzlich entstehen neue Familienkonstellationen, ein neuer Geschwisterbund und zusätzliche Bezugspersonen treten in das Leben der Kinder. Hinzu kommen unterschiedliche Gewohnheiten, andere Regeln und Beziehungen zueinander. All dies ist für Kinder wie auch Eltern und Stiefeltern mit vielen Emotionen verbunden. Unsicherheiten gilt es zu überwinden. Im besten Fall profitieren Kinder von Patchwork Familie, da sie die positiven Seiten mehrerer Bezugspersonen erleben dürfen. Alles in allem braucht es sehr viel Zeit, Kommunikation und Geduld, damit das Projekt „Patchwork Familie“ ein voller Erfolg wird.

Quellen:

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